Was heißt hochverarbeitet, und zählt Proteinpulver dazu?
Nach NOVA ja. NOVA teilt Essen in vier Gruppen nach dem Grad der Verarbeitung, auch in den Studien hier. Gruppe 4 heißt hochverarbeitet. Die Entwickler von NOVA nennen dafür Zutaten, die in der Küche kaum vorkommen. Beispiele sind Molkenprotein (Whey), Sojaproteinisolat, Aromen oder Süßstoffe. Schon eine davon in der Zutatenliste macht ein Produkt hochverarbeitet. Als Beispiele nennen sie Energieriegel sowie Shakes und Pulver als Mahlzeitersatz. Das Max Rubner-Institut (MRI) ist ein Forschungsinstitut des Bundes. Es nennt die Gewinnung von Proteinisolaten als Beispiel für eine starke Veränderung der Lebensmittelstruktur. Das kann laut MRI günstig oder ungünstig sein.
Was zeigen die Versuche?
In der Studie UPDATE sollten 55 Erwachsene in England, fast alle Frauen, beide Kostformen je 8 Wochen lang essen. 50 gingen in die Auswertung ein. Beide Kostformen folgten den britischen Ernährungsregeln, gegessen wurde nach Belieben. Mit wenig verarbeitetem Essen nahmen sie im Mittel 1,8 kg ab, mit hochverarbeitetem 0,9 kg. Mit wenig verarbeitetem Essen verloren sie laut einem Nebenergebnis auch mehr Fett. Bei der fettfreien Masse (Körpergewicht ohne Fett, vor allem Muskeln und Wasser) gab es keinen gesicherten Unterschied. In der Klinik der National Institutes of Health (NIH) in den USA aßen 20 Erwachsene je 2 Wochen beide Kostformen. Das Angebot war auf gleiche Kalorien, Zucker, Fett und Ballaststoffe abgestimmt. Die Arten von Zucker, Fett und Ballaststoffen unterschieden sich aber deutlich. Mit hochverarbeitetem Essen aßen sie 508 kcal am Tag mehr und nahmen 0,9 kg zu. Mit wenig verarbeitetem Essen nahmen sie 0,9 kg ab. Protein aßen sie in beiden Phasen gleich viel.
Warum nur möglicherweise?
Beide Versuche sind klein und kurz. In UPDATE hörten 10 Leute in den Phasen mit wenig verarbeitetem Essen auf, in den hochverarbeiteten niemand. Das wenig verarbeitete Essen schmeckte den Leuten weniger gut, und die Reihenfolge der Kostformen beeinflusste das Ergebnis. Die Kostformen unterschieden sich außerdem in mehr als der Verarbeitung, etwa darin, wie viele Kalorien in einem Gramm stecken. Welcher Unterschied wirkt, kann keine der Studien trennen. Ludwig und Kollegen halten den Vorteil in UPDATE bei vorsichtiger Auslegung für wenig bedeutsam für die Bevölkerung.
Und was zeigen Beobachtungsstudien?
Sie zeigen nur einen Zusammenhang, keine Ursache. Eine Übersicht über 14 Auswertungen vieler Studien (Lane 2024) fand: Wer viel Hochverarbeitetes isst, hat häufiger starkes Übergewicht. Die Gewissheit dafür stufen die Forschenden als niedrig ein. Eine systematische Übersicht der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) fand bei Erwachsenen denselben Zusammenhang. Bei 27 ihrer 37 Studien war das Risiko hoch, dass das Ergebnis verzerrt ist.
Was sagen deutsche Stellen?
Die DGE schreibt 2025, es gebe noch keinen wissenschaftlichen Konsens über eindeutige Kriterien für Verarbeitungsgrade. Ob ein Lebensmittel gesund ist, hänge vom Nährstoffprofil ab, nicht allein vom Verarbeitungsgrad, sagt der Leiter ihrer Arbeitsgruppe dazu. Das MRI hält NOVA für ungeeignet, um die Wirkung der Verarbeitung genau zu beurteilen. Alles Verarbeitete pauschal abzuwerten, werde dem Thema nicht gerecht. Beide fordern mehr Versuche.